Florian Wahl: „Seit 2014 fast 2.500 Verfahren zur Einschätzung der Kindeswohlgefährdung im Landkreis Böblingen. Diese Zahl muss uns wachrütteln“

Nach seiner Kleinen Anfrage zum Kinderschutz im Landkreis Böblingen zeigt sich Florian Wahl MdL tief besorgt über die drastisch gestiegenen Fallzahlen. Die Antwort des Sozialministeriums belegt, dass seit 2014 insgesamt fast 2.500 Verfahren zur Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung im Landkreis durchgeführt wurden. Allein 2024 waren es 557 Verfahren, während 2014 erst 117 Fälle gezählt wurden. Damit hat sich die Zahl der Fälle in zehn Jahren nahezu vervierfacht. Wahl erklärt dazu: „Diese Entwicklung ist alarmierend. Wenn wir im Landkreis Böblingen in einem Jahrzehnt einen Anstieg um fast vierhundert Prozent sehen, zeigt das eine Belastung vieler Familien, die wir nicht ignorieren dürfen“.

Die Zahl der Meldungen je eintausend Kinder und Jugendliche bestätigt diese Tendenz. 2014 lag der Wert bei 1,76, 2024 bereits bei 7,25. Besonders häufig gehen Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen von Polizei und Justiz ein, gefolgt von Schulen sowie dem Jugendamt und dem sozialen Dienst. Wahl erklärt dazu: „Wenn ein großer Teil der Meldungen aus dem Umfeld von Polizei und Gerichten stammt, zeigt das, wie komplex viele Situationen sind, bevor sie überhaupt sichtbar werden. Das macht deutlich, wie wichtig es ist, noch früher hinzuschauen und Familien rechtzeitig zu unterstützen.“

Als Gründe nennt das Ministerium wachsende soziale und psychische Belastungen in Familien, darunter Armut, finanzielle Unsicherheit, Wohnungsnot, Depressionen, Suchtprobleme und familiäre Überforderung. Gleichzeitig erkennen Fachkräfte Auffälligkeiten schneller. Im Landkreis Böblingen arbeiten derzeit rund siebzig Fachkräfte im Kinderschutz.

Besonders scharf kritisiert Wahl, dass trotz der dramatisch steigenden Zahlen kein einziges Projekt im Landkreis Böblingen aus dem zehn Millionen Euro umfassenden Förderpaket im Rahmen der ersten Phase des Masterplans Kinderschutz unterstützt wird. „Es ist unverständlich, dass die Landesregierung dem Kinderschutz höchste Priorität zuspricht, aber keinen einzigen Euro in einen Landkreis investiert, in dem die Zahlen besonders stark steigen“, so Wahl. „Es darf nicht sein, dass Kinder je nach Stadt- oder Landkreis unterschiedlich gut geschützt sind. Kinderschutz muss flächendeckend gelten.“

Wahl erinnert zudem an den Gesetzentwurf der SPD-Landtagsfraktion aus Januar 2025, der den Informationsaustausch zwischen Medizin und Jugendhilfe verbessern sollte. Ziel war es, zu verhindern, dass Eltern mit ihren von auffälligen Verletzungen markierten Kindern von Arzt zu Arzt gehen, ohne dass das Jugendamt informiert wird. „Wir wollten endlich verhindern, dass Kinder mit blauen Flecken von Praxis zu Praxis geschickt werden, ohne dass jemand das Gesamtbild sieht“, sagt Wahl. Die Landesregierung lehnte das Gesetz ab. Wahl äußert dazu deutliche Kritik: „Wer ein Gesetz ablehnt, das verhindern soll, dass Misshandlungen unerkannt bleiben, verweigert aktiven Kinderschutz. Diese Entscheidung ist verantwortungslos.“